Samstag, 23. Januar 2016

Lechler, Volker, Die ersten Jahre der Fraternitas Saturni (Bausteine zum okkulten Logenwesen Band 2), Verlag Volker Lechler: Stuttgart 2015, Leineneinband, SU, 400 S., ISBN 978-3-00-046818-6, 110,00 €.


Wer an der magischen Tradition des deutschen Sprachraums interessiert ist und die Publikationen zu diesem Thema verfolgt, stößt früher oder später auf einen magischen Orden, der wie kein zweiter Einfluss auf deren Entwicklung genommen hat und nimmt: die Fraternitas Saturni. Der Bruderschaft des Saturn, die auch heute noch besteht, und im Speziellen den frühen Jahre ihrer Existenz, ist das hier besprochene hervorragende Buch von Volker Lechler gewidmet, das, obwohl der Preis abschreckend wirken könnte, doch jeden einzelnen der aufgerufenen Euro wert ist. 
Volker Lechler, Antiquar aus Stuttgart, unermüdlicher Rechercheur und mit einer glücklichen Hand gesegnet, was das Auffinden von Quellen angeht, beleuchtet mit diesem Buch die Geschichte der Fraternitas Saturni von ihrer Vorgeschichte (ca. 1924) bis hin zur ihrem Verbot 1935.
Zu den Vorläufern gehören die Astrologisch-esoterische Arbeitsgemeinschaft und die Esoterische Logenschule genauso wie die Pansophische Loge der lichtsuchenden Brüder Orient Berlin, von denen einige später die Saturnloge gründen sollten.
Für die eigentliche Gründung der Fraternitas Saturni sind die Ergebnisse der sogenannten Weida-Konferenz (1925) zumindest mitverantwortlich. Das dortige Aufeinanderprallen von Aleister Crowley und Heinrich Tränker sowie die zu der Zeit bestehenden und darüber hinaus anhaltenden Spannungen zwischen Tränker und der Pansophischen Loge der lichtsuchenden Brüder in Berlin, führten dazu, dass letztere am 1.4.1926 geschlossen wurde. Von den rund vierzig Mitgliedern, die die Pansophia in Berlin wohl hatte, gründeten fünf Brüder am 8.5.1926, also einen guten Monat später, die Fraternitas Saturni. Großmeister dieser neu ins Leben gerufenen Saturnloge war Eugen Grosche (Logenname: Gregor A. Gregorius), Inhaber der Okkulten Buchhandlung Inveha. Diese Stellung als Großmeister innerhalb der FS behielt er bis zu seinem Tod 1964.
Bereits in der Rekonstruktion der Entstehungsgeschichte schafft Lechler, wie dann im weiteren Verlauf des Buches immer wieder, Klarheit zu einigen historischen Fakten, die bisher häufig fehlerhaft kolportiert wurden: So findet sich auch heute noch an einigen Stellen der wohl auf Karl Wedler (Meister Giovanni) zurückgehende Gründungszeitpunkt der Loge mit Ostern 1928 angegeben. Das kann Lechler widerlegen.
Die frühe Entwicklung, also die Phase der Formung, des Ringens um Struktur, Inhalt und ganz profan auch um den Erhalt der Loge in der materiellen Welt: all das spiegelt sich in den angeführten Dokumenten. Besonders die finanzielle Seite eines so ambitionierten Vorhabens, wie das Grosches und seiner Mitstreiter, eine Loge zu gründen, zu erhalten und zur dominierenden Größe des deutschen Okkultismus zu machen, musste auch gestemmt werden, wovon Lechlers Quellen Zeugnis geben. Im Vordergrund sind es der vielfältige Briefwechsel Grosches, mit dem die Entwicklung illustriert wird, neben seinen Publikationen als Großmeister, die er an die Brüder und Schwestern seiner Loge richtete.  Der Leser erfährt in diesem Zuge auch, wie die ersten Rituale der Loge entstanden, wie die ersten Publikationen und von einer Vergiftungsaffäre, die 1928 für Gregorius und die Brüder um ihn zu einer kurzfrsitigen Beslastung wurde.
Einer dieser Briefwechsel, der vorher nie publiziert war und dem Lechler in diesem Buch weiten Raum gibt, ist der zwischen Grosche und Wilhelm Quintscher (auch: Rah Omir Quintscher, Gründer verschiedenster mystisch-magischer Gruppierungen). Auch in dieser Wiedergabe der Briefe, über weite Teile der interessanten Passagen im Wortlaut abgedruckt, bewährt sich die in diesem Band durchgehaltene Vorgehensweise Lechlers, die Quellen selbst sprechen zu lassen bzw. zu paraphrasieren: Der Leser wird zum Zeugen vergangener Ereignisse.
Reproduktionen von Orignaldokumenten, die in erster Linie den Bildbestand des Buches ausmachen, zeigen die spannendsten und herausragensten Fundstücke: Besondere Höhepunkte sind sicherlich die Gründungsurkunde der FS, frühe Mitgliedsurkunden, Fotos von Mitgliedern aus den 20er und 30er Jahren, Originalcover von frühen Logenpublikationen (z. Bsp. Saturn Gnosis, Magische Briefe) und künstlerische Arbeiten von Mitgliedern.
Im Anhang finden sich die Handschrift eines Rituals reproduziert, dass zur Eröffnung und Erleuchtung der Loge Fraternitas Saturni dienen sollte, ein Mitgliederliste von 1927, ein Aufnahmeritual, frühe Weisungen an die Stuhlmeister der Oriente und vieles mehr.
Der Band kommt großformatig daher, ist in dunkelgrünes Leinen gebunden, mit einer Einprägung (einem frühes Siegel des Orients Berlin der Fraternitas Saturni), einem Schutzumschlag und zwei Lesebändchen versehen und setzt für die Erforschung der Frühgeschichte der Fraternitas Saturni einen Standard, an dem sich alles Nachfolgende, akademisch oder nicht, wird messen lassen müssen. So einfach ist das. Und so gut.